
Viel getan, wenig dahinter.
Bald fühlte sich Julia überwältigt. Die Menge an Informationen war enorm, und ohne einen klaren Rahmen fiel es ihr schwer, die Konzepte miteinander in Beziehung zu setzen. Sie merkte, dass sie zwar viele Details wusste, aber Schwierigkeiten hatte, diese im Gesamtkontext des Faches zu verstehen.
Als die Prüfung näher rückte, spürte Julia, dass ihre Lernmethode nicht effektiv war. Sie konnte sich an spezifische Informationen erinnern, aber ihre Fähigkeit, kritisch zu denken und Verbindungen herzustellen, war begrenzt. Das Auswendiglernen hatte ihr nicht geholfen, ein tiefgreifendes Verständnis des Themas zu entwickeln.
Wie kann ich Informationen besser behalten? Es beginnt mit Priming.1
Analogie
Ein Thema, oder ein Lernziel direkt und sofort anzugehen, anstatt sich erst einmal mit allen Teilschritte zu konfrontieren, ist wie ineffiziente und ehrlicherweise frustrierende Zubereitung eines neuen Gerichts.
Du nimmst das Rezept in die Hand und liest direkt die erste Anweisung. Du gehst zum Schrank, holst die Zwiebeln und gehst wieder zurück ans Schneidebrett. Dann fällt dir auf, das Schneidemesser ist noch nicht abgewaschen. Nachdem das erledigt und die Äpfel geschnitten worden sind,
so gehst du über in Schritt 2. Dafür gehst du wieder erst einmal zum Schrank, schnappst dir eine Orange und bewegst dich wieder Richtung Schneidebrett. Das ständige Hin-und-Her wird für jede Anweisung wiederholt, die es brauch, um meinen Salat fertigzustellen. Ziemlich lästig, oder?
Priming in diesem Kontext bedeutet, sich das Rezept und die Zutatenliste anzusehen und alles vorzubereiten, damit die Ausführung der Anweisungen effizienter wird und einige Schritte sogar parallel ablaufen können.
Priming
Priming beschreibt in der Psychologie, die Vorbereitung auf einen bestimmten Stimulus, durch Aufzeigen des entsprechenden Reizes, vor der eigentlichen Aktion. Wenn dieser Reiz in näherer Zeit wieder auftreten sollte, so können wir diesen schneller verarbeiten. Das wird durch kleinere Anpassungen auf neurobiologischer Ebene ermöglicht.
Wir können das nutzen, um uns auf eine neue Thematik aus dem Lehrbuch, oder auch auf eine neue Technik im Sport vorzubereiten, in dem wir uns mit dieser vertraut machen. Dabei lässt sich Priming in zwei Hauptkategorien einteilen: ‘Relevanz-Priming‘ und ‘Strukturelles Priming‘.
Beim ‘Relevanz-Priming‘ betrachte ich das Thema in seiner Gesamtheit (Big-Picture), um zu ergründen, warum es für meine Lernziele von Bedeutung sein könnte, wie es mit bereits erworbenem Wissen in Verbindung steht und auf welche Aspekte ich mich konzentrieren muss.
Beim ‘Strukturellen Priming‘ konzentrieren wir uns auf die Verbindungen innerhalb des Themas. Hierbei richten wir unser Augenmerk auf die zentralen Ideen und Konzepte und entwickeln ein grundlegendes Verständnis ihrer Vernetzung. Anschließend sollten wir fähig sein, das Thema in seinen Grundzügen zu beschreiben, ohne jedoch bereits ins Detail zu gehen.
Je nachdem, wie wohl du dich mit den einzelnen Schritten fühlst, kannst du auch beide Kategorien kombinieren.
Es wird effizienter, je mehr Themen, du damit in kurzer Zeit überfliegen kannst. Deswegen empfiehlt sich, entgegen der allgemeinen Lehre, ein komplettes Fach erstmal in ihren groben Zügen kennenzulernen, um entsprechend schneller Verbindungen zwischen Themen zu finden, auf die du dich jederzeit beziehen kannst, wenn du neue Informationen aufnimmst.
Wie kann ich Priming in meine Lern-Routine integrieren?
- Beginne damit, alle verfügbaren Ressourcen zu deinem Lernthema zu sammeln. Dazu gehören beispielsweise Vorlesungsfolien, Lehrbücher, Lektüre oder Websites – je nachdem, welches Material du zur Verfügung hast. Ich empfehle generell, die komplexeren Ressourcen zu bevorzugen, da diese in der Regel tiefergehende Einblicke bieten und es ermöglichen, bekannte Verknüpfungen besser zu erfassen.
- Verschaffe dir einen Überblick über das Thema, indem du dein Material überfliegst und dabei einige Schlüsselbegriffe (maximal etwa 20) notierst. Das sollte nicht mehr Zeit 5min-15min in Anspruch nehmen. Merke dir: Umso schneller umso besser, und so breitgefächert wie möglich, um das ganze Thema zu erfassen.
- Bringe diese Schlüsselbegriffe auf Papier und versuche sie jetzt in Beziehung zueinander zu setzen, ohne weitere Informationen nachzuschauen. Außer du hast keine Ahnung, was ein Schlüsselbegriff bedeuten könnte, dann suche im Internet 30sec bis 1min schnell nach einer Definition. Beim Verknüpfen bzw. der Grundstruktur des Themas darfst du auch falsch liegen. Es geht primär darum, dein Gehirn schon einmal mit der Information zu konfrontieren. Nimm dir dafür 10-20min.
- Zusätzlich kannst du, oder solltest du dich schon mit Fragen oder Aufgaben zu dem Thema befassen, bevor du ein tiefergehendes Wissen erreichst. Wenn du es, wie hier, an “Stelle 4” ausführst, dann hilft es zusätzlich zu erkennen, welche Themen besonders im Fokus stehen. Zum Lernen von Physik und Mathe habe ich persönlich gute Erfahrungen damit gemacht, als erstes(!) mich den Aufgaben zu stellen und sie zu lösen, nur mit meinem Vorwissen. Dadurch verstand ich schnell, wo und warum ich nicht weiterkam und was ich als nächstes Lernen muss. Dabei geht es nicht um das richtige Lösen der Aufgabe! Ich habe vielleicht eine, wenn überhaupt, richtig lösen können. Es geht viel mehr um den Effekt, den wir danach beobachten: Hypercorrection-Effect.
- Am Ende solltest du eine Grundstruktur des Themas vor dir haben, die es dir erlaubt, weitere Informationen im Unterricht | in der Vorlesung oder durch Eigenrecherche leichter zu ergänzen. Denke daran: Wie passt die neue Information in meine Struktur?
Wiederholungsfragen
Was verstehen wir unter Priming?
Warum ist es wichtig, sich vor dem Lernen mit dem Material vertraut zu machen?
Mit welchem Konzept des Lernens steht Priming eng in Verbindung?