
Transkribieren statt Notizen
Max saß in der Bibliothek, umgeben von Collegeblöcken. Er schrieb alles mit – jedes Wort der Vorlesung, jede Definition aus dem Lehrbuch. Seine Mitschriften waren makellos, aber sein Kopf leer. Zwei Wochen später, beim Lernen für die Klausur, starrte Max auf seine Seiten. Er konnte kaum sagen, was wichtig war, noch warum er es notiert hatte. „Warum kann ich mich an nichts erinnern?“ murmelte er. Neben ihm saß Sophie. Ihre Notizen waren bunt, wild, mit Pfeilen und Fragen: „Warum?“, „Was passiert, wenn…?“, ein kleines Diagramm, ein paar schräge Kästchen. Max fragte sie: „Wie lernst du mit so einem Chaos?“ Sie grinste. „Das hier ist kein Chaos. Das ist mein Denken.“ In diesem Moment verstand Max: Notizen sind kein Protokoll. Sie sind ein Gespräch – mit dem eigenen Kopf.
Genormt
Seit du und ich auf der Welt sind, wird von den meisten SchülerInnen Notizen wie folgt geschrieben: Von Links nach rechts und von oben nach unten, zwischendurch mal eine schöne Überschrift. “Wobei dies eine valide Form der Dokumentation von Informationen wie in Lehrbüchern ist, so ist sie keineswegs optimal oder zeit-effizient, wenn es ums Lernen geht.” Obwohl man das so allgemein sagen kann, würde ich aus heutiger Sicht meine Aussage nochmal überdenken, denn sie ist ein wenig komplexer: Wie du vielleicht schon aus meinem Abschnitt zu Active Recall entnommen hast, ist eine wunderbare Form des Lernens, die des Lehrens. Deswegen denke ich, dass auch lineares Notizenschreiben eine sinnvolle Art und Weise sein kann, effektiven Lernerfolg zu erzielen. Denn es geht am Ende nie um das, was auf dem Papier steht, sondern um das, was im Kopf vor sich geht.
Dennoch möchte ich einige Optionen, die ich dem gegenüber präferiere, kurz gegenüberstellen, weil sie eher dazu anregen, die tiefergehenden Denkprozesse zu fördern.
- Keine Notizen – das ist wahrscheinlich die minimalistischste Art mit dieser ganzen Thematik umzugehen. Dein primärer Fokus liegt auf dem Denken. Allerdings ist es schon anspruchsvoller, jedes Detail “im Kopf” zu behalten. Deswegen würde ich immer ergänzend einen allgemeinen Tipp vom Layering berücksichtigen: Was du jetzt noch nicht einzuordnen weißt, vermerke es extern und komme darauf an einem späteren Zeitpunkt zurück.
- Nur Fragen – eine zeitsparende Variante mit dem Vorteil Review Q`s (Fragen zur Wiederholung) zu generieren. Allerdings wäre es hier wichtig zu beachten, dass die Fragen nicht isoliert Wissen abbilden, sondern lieber ganze Konzepte oder sogar Konzept-übergreifend agieren sollen.
- Powerpoint (für unsere Wissenschaftler) – Powerpoint-Slides pro Paperreview (ein cooles YT Video: How to read and take notes like a PhD – easy, fast, and efficient – YouTube). Diese kreative Idee habe ich von Andy Stapleton, welcher vorschlägt bei Literaturrecherche gleich das wichtigste für die eigene Arbeit zusammenfassend darzustellen und mit der wichtigsten Abbildung zu ergänzen, um es dann auch gleich in den Grundzügen für eine Präsentation nutzen zu können. Für die Einzelheiten, was er für Informationen filtert, empfehle ich das Video zu schauen. 🙂
- MindMaps – eine gute Mischung. Der Vorteil hier liegt klar in der Freiheit der Gestaltung, die Flexibilität durch Anordnung und Reorganisation von Informationen auf eine intuitive Weise. Es hilft, eine Möglichkeit zum Niederschreiben bei dir zu haben, wenn du merkst, dass dein Gehirn wieder an dessen Grenzen kommt. So kannst du lernen, intuitiver deine kognitive Belastung zu regulieren, indem du die verarbeiteten Informationen erstmal aufs Papier bringst, um dann einerseits Platz im Arbeitsgedächtnis für neue Prozesse zu schaffen und andererseits leichter auf einen Blick siehst, wie die Dinge zusammenhängen. Denn MindMaps helfen auch durch ihre Visualisierung ungemein mit der Wiederabrufbarkeit des Wissens, indem du Assoziationen/Gruppen an Informationen geometrisch darstellst, oder in einem prägnanten Bild einfängst. Der Fokus liegt also hier nicht primär auf Informationserhalt, sondern auf Gewichtung von Wissen, Darstellung und Knüpfung von Assoziationen, sowie die Darstellung des Gesamtkonzepts.
Per Se kann auch eine Kombination zwischen den einzelnen “Techniken” erfolgen. So wissen wir, dass die Organisation von Wissen und eine stabile Wissensstruktur das Lernen verbessert, und dies können wir am einfachsten durch MindMaps nachvollziehen, weswegen ich auch dessen Nutzung konkret empfehle. Darauf aufbauend sind dir eigentlich keine Grenzen gesetzt und du kannst schauen, womit du fachabhängig am besten über die Runden kommst. Eine wirklich sinnige Kombination erscheint mir MindMaps + Fragen. Mit dem ersten deckst du die grundlegenden Konzepte ab, und mit letzteren baust du die letzten detailreicheren Schichten auf, die du dann gezielt vor Prüfungen wiederholen kannst.
Es sei erneut darauf hingewiesen, dass es trotzdem und selbstverständlich nicht das eigentliche Denken ersetzt. In der Theorie können wir wunderschöne MindMaps malen, aber am Ende trotzdem weniger Wissen, als die Person, welche vielleicht keine Notizen gemacht hat. Es ist wichtig, dass der Fokus beim Notizen schreiben auf der Regulation von kognitiver Belastung, und auf der Intensivierung des Denkens liegt, nicht auf dem Grad der Schönheit deiner Notizen.
Anwendung MindMaps
Schritt 0: siehe Kapitel Layering und Priming. Dort sind die Grundprinzipien, wie du die nötigen Informationen aus einem Kapitel herausfilterst, erklärt. Deswegen soll es hier primär um Darstellungsmöglichkeiten gehen.
Allgemeine Anmerkungen für bessere MindMaps:
- DAGs (directed acyclic graphs) – die Pfeile sollten eine klare Bedeutung haben. Dabei sollten sie in EINE Richtung weisen. Dabei entscheidest du, welcher Effekt im Prozess mehr zu berücksichtigen ist. Zudem kannst du auch verschiedenen Pfeilarten eine unterschiedliche Bedeutung zuordnen. Sei es “gestrichelt”, “hervorgehoben durch Größe oder Farbe”, oder auch über den Verlauf des Pfeils (wellig, geschwungen, …)
- Ergänzend zu den DAGs ist die Idee, mit der wir die MindMap konstruieren. Welche Frage versuchen wir zu beantworten? Versuche einen klaren Startpunkt zu gestalten.
- Geometrisch aufbauen – klare Strukturen, an die sich das Gehirn klammern darf: “Ah, da waren drei Abgänge und mir sind erst zwei eingefallen… Was war das dritte nochmal?”
- Versuche wenig Wörter zu verwenden. Das bedeutet: Einzelne Wörter zwischen denen Beziehungen hervorgehoben werden, auf kleine (unwichtige) Details verzichten, und den Fokus auf visuelle Darstellung legen.
- Nutze die Übersicht, um regelmäßig deine Organisation zu hinterfragen: Warum ist es wichtig? Wie sind sie verbunden/ Gibt es noch andere Verbindungen, die wichtig sind? Kann ich die Gruppe anders noch besser darstellen?
- Und der wichtigste Tipp? Einfach anfangen und in regelmäßigen Abständen evaluieren, ob und wie die MindMap umstrukturiert werden sollte. Dabei soll vermieden werden, dass du zu schnell zu viele Informationen aufs Blatt bringst, ohne in Relationen und Assoziationen zu denken. Das Ganze sollte ein eher ausbalancierter Prozess sein, bei dem du regelmäßig die Chance nutzt, um nochmal den Gesamtkontext zu betrachten. Eine MindMap ist äußerst selten zu Anfang ideal, deswegen traue dich Fehler zu machen und mit Hypothesen voranzuschreiten, die du am Ende prüfst und gegebenenfalls korrigierst. (Kolb’s Learning Styles & Experiential Learning Cycle)
Wiederholungsfragen
- Worauf solltest du beim Notizenerstellen jeglicher Form achten?
- Wie helfen nicht-lineare Schreibstile beim Lernen?
- Achte auf dein Empfinden, wenn du die verschiedenen Methoden für dich ausprobierst. Und teste es!