Gut gemeintes System des Unsinns
Lena, eine engagierte Studentin der Ornithologie, stand vor einer Herausforderung. Inspiriert durch das Konzept des Interleaving, plante sie ihre Studienzeit, um innerhalb eines Tages zwischen verschiedenen Aspekten der Vogelanatomie zu wechseln. Sie dachte, dies würde ihr helfen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten effektiver zu erkennen.
Ihr Plan sah vor, morgens die Schwanzanatomie des Rotkehlchens zu studieren und am späten Vormittag zur Kopfanatomie des Blaumeisen überzugehen. Anfangs schien dieser Ansatz vielversprechend, da sie ständig neue Perspektiven erhielt.
Jedoch bemerkte Lena bald, dass dieser ständige Themenwechsel sie mehr verwirrte als unterstützte. Sie fand sich oft damit beschäftigt, sich neu zu orientieren, anstatt sich auf die tieferen Details eines Themas zu konzentrieren. Die Zerstückelung der Lerninhalte führte dazu, dass sie Schwierigkeiten hatte, ein umfassendes Verständnis für jede Vogelart zu entwickeln.
Als die Prüfung näher rückte, erkannte Lena, dass ihr Ansatz zwar Vielfalt, aber nicht die nötige Tiefe bot. In der Prüfung konnte sie zwar grundlegende Unterschiede zwischen den Vogelarten benennen, doch bei komplexeren Fragen, die ein detailliertes Verständnis erforderten, stieß sie an ihre Grenzen.
Was ist Interleaving?
Interleaving bedeutet, beim Lernen verschiedene, aber verwandte Inhalte oder Aufgaben abwechselnd zu bearbeiten, statt sie blockweise nacheinander zu lernen (blocked practice). Ziel ist es, durch aktiven Wechsel zwischen Konzepten die Transferfähigkeit zu verbessern und Unterschiede besser zu erkennen, um ein tieferes Verständnis aufzubauen.
Häufiges Missverständnis
Häufig wird unter Interleaving das Aufteilen verschiedener Unterrichtsfächer, wie beispielsweise Biologie, Chemie und Mathematik, in kleinere Lerneinheiten über die Woche verstanden. In einem hypothetischen Beispiel werden diese drei Fächer in jeweils einstündige Lerneinheiten aufgeteilt, die stündlich nacheinander und von Montag bis Sonntag absolviert werden. Der Gedanke dahinter: Wir beschäftigen uns über einen längeren Zeitraum mit entsprechenden Themen und können sie dadurch länger behalten.
Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es nicht so viel bringt, eher im Gegenteil. Durch das ständige Wechseln zwischen den Fächern wird am Ende mehr Energie verbraucht, als wenn man sich auf ein einzelnes Thema konzentriert. Dabei gilt: Umso größer die Themensprünge umso mehr Energie wird dafür auch aufgewandt. Ähnlich wie beim Weitsprung.
Wozu ist es gut?
Durch das Vergleichen von Konzepten, die ähnlich sind, greifen wir auf Denkprozesse zurück, die tiefe Verarbeitung von Informationen ermöglichen. Aus den anderen Kapiteln haben wir schon festgestellt, dass es ein richtiges Maß an Herausforderung braucht, um Informationen besser zu behalten, es Zeiteffizienter ist, wenn wir Inhalt zur richtigen Zeit sinnvoll aufeinander aufbauen und dass wir durch Vergleiche die akkurate Abrufbarkeit fördern (reduce cue confusion). All das wird durch Interleaving gefördert, was es zu einer starken Lernstrategie macht.1
Wie kann es angewendet werden?
- Zuerst suchst du dir dein Thema raus, was du lernen möchtest.
- Wenn du im Rahmen des Priming und der Schema Konstruktion schon einige Themen überflogen, und dir eine hypothetische Struktur aufgebaut hast, wirst du schon zusammenhängende Konzepte gefiltert haben.
- Daraufhin kannst du, wie schon in grundlegenden Kapiteln empfohlen, dort starten, wo es dir sinnvoll erscheint. Sobald du von diesem Konzept ein solides Verständnis aufgebaut hast, kannst du eine Variante des Thema (physiologischer gegenüber pathologischer Zustand) oder ein ähnliches Konzept (Mitose vs Meiose) heranziehen, und dieses vergleichend Lernen: In welchen Punkten ähneln sie sich und – viel wichtiger – in welchen Punkten unterscheiden sie sich konkret? (Albus Dumbledore: […], it isn’t how you are alike. It’s how you are not.)
- Danach geht es dann mit dem nächsten Konzept weiter. Und so hangelt man sich von einem zum anderen. Dieses Prinzip erinnert mich an die Methode des “Habit Stacking” (Atomic Habits, James Clear). Es unterstreicht erneut, wie sehr das Wissen über die Funktionsweise unseres Gehirns Bereichsübergreifend unser Leben beeinflussen kann.
- So sei eine Faustregel zum Interleaven: Mache es immer dann, wenn es sich inhaltlich sinnvoll anbietet – also bei Konzepten, die ähnlich genug sind, um verwechselt zu werden, aber unterschiedlich genug, um differenziert werden zu müssen. Wenn der Vergleich mehr verwirrt als klärt, liegt das entweder daran, dass es sich um dasselbe Konzept handelt, oder dass sich nur der Anwendungsbereich unterscheidet.
- Ein gutes Beispiel für eine solche Ähnlichkeit mit Perspektivunterschied ist der Variability Effect (aus der CLT) im Vergleich zum Interleaving.
- Während der Variability Effect beschreibt, wie variation in der Instruktionsgestaltung die intrinsische Belastung erhöht und somit germane load erfordert, zielt Interleaving darauf ab, durch gezielte Mischung verwandter Aufgaben Transferfähigkeit und diskriminatives Lernen zu fördern. Beide Prinzipien nutzen Variation, aber aus unterschiedlichen Perspektiven heraus.
- Nutze Interleaving zusätzlich als Teil deiner Wiederholungen, um ein schon gefestigtes Thema auf verschiedene Art und Weise abzurufen. In der Medizin könnte man ähnliche Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik (e.g. Anämieformen) nebeneinander analysieren und sich auf die Unterschiede fokussieren.
Fehlervermeidung
Eine Falle – auf die ich auch zu Anfang selbst reingefallen bin – ist das vorschnelle Interleaven von Themen, ohne vorher eine solide Basis mit einem Konzept etabliert zu haben, von der aus ich weiterarbeite. Das kann auch zur Frustration führen, weil der Stoff noch zu Fremd ist und du versuchst, dass Wasser nicht durch deine offenen Finger fließen zu lassen, und gleichzeitig den Inhalt der Flüssigkeit mit einer anderen zu vergleichen. Dein Gehirn ist damit überfordert und es wäre besser erstmal zu verstehen, wie wir die Flüssigkeiten ohne Verlust halten können, bevor wir sie vergleichen.
Es sei vorsichtshalber gesagt, dass das Interleaven von völlig unabhängige Themen wie e.g. Anatomie und Statistik auch keinen Sinn hat. Da wären wir nur wieder am Anfang dieses Kapitels.
Wiederholungsfragen
References
- 18835171 {18835171:HSZVJFH9} 1 zeitschrift-fur-digitale-geisteswissenschaften 50 default 1539 https://lernquell.de/wp-content/plugins/zotpress/↩︎%7B%22status%22%3A%22success%22%2C%22updateneeded%22%3Afalse%2C%22instance%22%3Afalse%2C%22meta%22%3A%7B%22request_last%22%3A0%2C%22request_next%22%3A0%2C%22used_cache%22%3Atrue%7D%2C%22data%22%3A%5B%7B%22key%22%3A%22HSZVJFH9%22%2C%22library%22%3A%7B%22id%22%3A18835171%7D%2C%22meta%22%3A%7B%22creatorSummary%22%3A%22Rohrer%20and%20Taylor%22%2C%22parsedDate%22%3A%222007-11-01%22%2C%22numChildren%22%3A1%7D%2C%22bib%22%3A%22%26lt%3Bdiv%20class%3D%26quot%3Bcsl-bib-body%26quot%3B%20style%3D%26quot%3Bline-height%3A%201.35%3B%20padding-left%3A%201em%3B%20text-indent%3A-1em%3B%26quot%3B%26gt%3B%5Cn%20%20%26lt%3Bdiv%20class%3D%26quot%3Bcsl-entry%26quot%3B%26gt%3BDoug%20Rohrer%20%5C%2F%20Kelli%20Taylor%3A%20The%20shuffling%20of%20mathematics%20problems%20improves%20learning.%20In%3A%20Instructional%20Science%2035%20%282007%29%2C%20H.%206%2C%20S.%20481%26%23x2013%3B498.%2001.11.2007.%20%5B%26lt%3Ba%20class%3D%26%23039%3Bzp-ItemURL%26%23039%3B%20href%3D%26%23039%3Bhttps%3A%5C%2F%5C%2Fdoi.org%5C%2F10.1007%5C%2Fs11251-007-9015-8%26%23039%3B%26gt%3Bhttps%3A%5C%2F%5C%2Fdoi.org%5C%2F10.1007%5C%2Fs11251-007-9015-8%26lt%3B%5C%2Fa%26gt%3B%5D%26lt%3B%5C%2Fdiv%26gt%3B%5Cn%26lt%3B%5C%2Fdiv%26gt%3B%22%2C%22data%22%3A%7B%22itemType%22%3A%22journalArticle%22%2C%22title%22%3A%22The%20shuffling%20of%20mathematics%20problems%20improves%20learning%22%2C%22creators%22%3A%5B%7B%22creatorType%22%3A%22author%22%2C%22firstName%22%3A%22Doug%22%2C%22lastName%22%3A%22Rohrer%22%7D%2C%7B%22creatorType%22%3A%22author%22%2C%22firstName%22%3A%22Kelli%22%2C%22lastName%22%3A%22Taylor%22%7D%5D%2C%22abstractNote%22%3A%22In%20most%20mathematics%20textbooks%2C%20each%20set%20of%20practice%20problems%20is%20comprised%20almost%20entirely%20of%20problems%20corresponding%20to%20the%20immediately%20previous%20lesson.%20By%20contrast%2C%20in%20a%20small%20number%20of%20textbooks%2C%20the%20practice%20problems%20are%20systematically%20shuffled%20so%20that%20each%20practice%20set%20includes%20a%20variety%20of%20problems%20drawn%20from%20many%20previous%20lessons.%20The%20standard%20and%20shuffled%20formats%20differ%20in%20two%20critical%20ways%2C%20and%20each%20was%20the%20focus%20of%20an%20experiment%20reported%20here.%20In%20Experiment%201%2C%20college%20students%20learned%20to%20solve%20one%20kind%20of%20problem%2C%20and%20subsequent%20practice%20problems%20were%20either%20massed%20in%20a%20single%20session%20%28as%20in%20the%20standard%20format%29%20or%20spaced%20across%20multiple%20sessions%20%28as%20in%20the%20shuffled%20format%29.%20When%20tested%201%5Cu00a0week%20later%2C%20performance%20was%20much%20greater%20after%20spaced%20practice.%20In%20Experiment%202%2C%20students%20first%20learned%20to%20solve%20multiple%20types%20of%20problems%2C%20and%20practice%20problems%20were%20either%20blocked%20by%20type%20%28as%20in%20the%20standard%20format%29%20or%20randomly%20mixed%20%28as%20in%20the%20shuffled%20format%29.%20When%20tested%201%5Cu00a0week%20later%2C%20performance%20was%20vastly%20superior%20after%20mixed%20practice.%20Thus%2C%20the%20results%20of%20both%20experiments%20favored%20the%20shuffled%20format%20over%20the%20standard%20format.%22%2C%22date%22%3A%222007-11-01%22%2C%22section%22%3A%22%22%2C%22partNumber%22%3A%22%22%2C%22partTitle%22%3A%22%22%2C%22DOI%22%3A%2210.1007%5C%2Fs11251-007-9015-8%22%2C%22citationKey%22%3A%22%22%2C%22url%22%3A%22https%3A%5C%2F%5C%2Fdoi.org%5C%2F10.1007%5C%2Fs11251-007-9015-8%22%2C%22PMID%22%3A%22%22%2C%22PMCID%22%3A%22%22%2C%22ISSN%22%3A%221573-1952%22%2C%22language%22%3A%22en%22%2C%22collections%22%3A%5B%2293IZY4PG%22%5D%2C%22dateModified%22%3A%222026-08-30T13%3A06%3A53Z%22%7D%7D%5D%7DDoug Rohrer / Kelli Taylor: The shuffling of mathematics problems improves learning. In: Instructional Science 35 (2007), H. 6, S. 481–498. 01.11.2007. [https://doi.org/10.1007/s11251-007-9015-8]