
Leseprobleme
Tom, ein Wirtschaftsstudent, sitzt in der stillen Ecke der Universitätsbibliothek. Vor ihm liegt ein dickes Lehrbuch über Mikroökonomie, und die Uhr an der Wand tickt monoton. Tom beginnt zu lesen, jede Zeile sorgfältig und langsam, in der Hoffnung, das komplexe Material zu verstehen. Doch trotz seiner Bemühungen, fühlt sich jede Seite wie ein Marathon an.
Die Minuten schleichen sich vorbei, während Tom von Zeile zu Zeile wandert, gelegentlich innehaltend, um zurückzublättern, weil er bereits vergessen hat, was er gerade gelesen hatte. Die Theorien und Konzepte verschwimmen in seinem Kopf, verwandeln sich in einen undurchsichtigen Nebel aus Fachjargon und Diagrammen.
Als die Uhr schließlich die volle Stunde schlägt, schließt Tom das Buch. Er fühlt sich erschöpft und frustriert, weil er weiß, dass er nur Bruchstücke des Gelesenen behalten hat. Trotz einer Stunde intensiven Lesens kann er kaum die Kernpunkte erinnern.
Passives lesen vs. aktives Lesen
Was Tom dort empfindet, ist nicht unüblich. Manchmal scheinen wir etwas zu lesen, und am Ende haben wir das Gefühl nichts verstanden oder behalten zu haben. Das liegt daran, dass wir im Moment das Buch einfach passiv von oben nach unten lesen, in einem Fluss. Das scheint Zeitsparend zu sein, denn in innerhalb von einer Stunde haben wir die ganzen 50 Seiten zu diesem Kapitel gelesen! Aber das täuscht. Denn Dein Ziel ist es nicht, Seiten schnell zu lesen, sondern die Informationen, die durch das geschriebene Wort präsentiert werden, zu ergreifen und zu verarbeiten. Das dauert ein wenig länger, als Deine Lesegeschwindigkeit.
- Doch Du kannst diesen Prozess effizienter gestalten, in dem Du lernst, aktiv über das gelesene nachzudenken und es in den Kontext des Themas zu ordnen, Schritt für Schritt. In den folgenden Abschnitten versuche ich Dir graduell verschiedene Lesetechniken zu erklären.
- Eine relativ simple Technik, ist es, nach dem Lesen eines Absatzes, die Kernaussagen in Deinen eigenen Worten wiederzugeben. Gerne denke dabei daran, diese Informationen jemanden lehren zu wollen. Wie kannst Du es am prägnantesten erläutern / darstellen? Prüfe danach, ob Du etwas vergessen hast, bzw. noch erwähnen wolltest. Erinnerst du Dich an die Übungen aus der Schulzeit, bei welchen ihr Abschnitten eine Überschrift geben solltet? Das sollte uns in die Form des Denkens bringen, die ich gerade beschrieb.
- Als nächstes könntest / solltest du Dir Gedanken machen, inwiefern der gelesene Paragraph in den Gesamtkontext des Themas passt.
- Jetzt liest Du den nächsten Abschnitt, wiederholst den oben beschriebenen Prozess und stellst Dir nicht nur die Frage, wie dieser Abschnitt in das Thema passt, sondern spezifisch auch in Relation zu dem vorhergelesenen Absatz. Welche Verbindungen gibt es untereinander?
- Wie beeinflussen sie jeweils das Gesamtkonzept? (Im Falle eines Prozesses, in denen die gelesene Abschnitte Variablen oder Gesetzmäßigkeiten beschreiben)
- Welche Fakten / Welche Ideen sind wichtiger im betrachteten Kontext?
Eine weitere tolle Möglichkeit, das Lesen aktiver zu gestalten, ist es sich einzelne relevant-erscheinende Wörter des Abschnittes anzusehen und eine Hypothese aufzustellen, wie diese untereinander zusammenhängen und was sie gemeinsam beschreiben. Danach liest du dir mit der Frage, was der Autor tatsächlich beschreibt und inwiefern es mit der Hypothese überein- oder nicht übereinstimmt, den Abschnitt durch. Es ist sinnvoll, diese Technik noch vor dem oben beschriebenen Prozess, des “in Eigenen-Worten-Wiedergebens”, auszuführen. Denn wie Du vielleicht es Dir schon gedacht hast, ist das Aufstellen einer Hypothese eine Form des “Forward-Testings”, und das freie Wiedergeben nach dem Lesen des Abschnitts eine Art des “Backward-Testings”, welche wir uns schon im Kapitel zu Active Retrieval angeschaut haben! Klasse, oder?
Warum ist es von Bedeutung, zu hinterfragen?
Das Hinterfragen von präsentierten Informationen ist sicherlich nicht nur hilfreich fürs Lernen, sondern auch um sich von falschen oder fehlleitenden Information zu schützen, und dabei eine klare, unbefangene Haltung zu einem Thema aufzubauen. Versuche, während Du jegliche Artikel von dieser Website liest – oder schon gelesen hast -, überlege, wo diese Prinzipien noch im Alltag bei Dir Anwendung finden.
- Im Sinne des Lernens hilft das Hinterfragen insofern, dass du dich mit der Information länger und intensiver beschäftigst und dabei neue Perspektiven gewinnen kannst. Denke daran, dass Informationen länger aktiv abrufbar bleiben, umso mehr Kontext Du drum herum aufbaust. Darunter zählt auch, Kontext im Sinne der Meta-Ebene:
- Warum und wozu schreibt der Autor das?
- Was schreibt der Autor sonst noch? (Im Sinne von Medien: Wie ist seine politische, gesellschaftliche Position?)
- Wie spiegelt sich das Konzept in anderen Bereichen wieder?
- Wie kann ich es anwenden?
- Welche Bedeutung hat es?
Wie können wir “Syntopical Reading” nutzen?
Um das ganze noch zu toppen, und ein wirklich starkes und breites Verständnis über ein Themengebiet zu erlangen: Syntopical Reading (vergleichendes Lesen).
Dabei sammelst Du dir zuerst verschiedene Ressourcen über die Thematik zusammen, sprich, viele unterschiedliche Meinungen und Perspektiven auf ein Thema. Denn jeder Autor, jedes Individuum, bringt einen ganz-und-gar einzigartigen Blickwinkel mit sich.
Wenn es darum geht, ein neues Thema im Kontext der Schule oder Universität zu lernen, so empfehle ich mindestens drei Kategorien an Materialen:
- Ein solides Standardwerk – “Goldstandard”
- Vorlesungsfolien / Material deiner Universität – “Prüfungsschwerpunkte”
- Zusammenfassungen von Mitstudenten, oder andere kurzgefasste Ressourcen im Internet (im Falle von Medizin bspw. AMBOSS, oder Erklärvideos sind Spitze) – “Perspektive/Einordnung”
Es ist auch besonders im Akademischen empfehlenswert, einzelne wissenschaftliche Arbeiten hinzuzuziehen.
Das Ganze heißt aber nicht, dass auch immer alle Quellen genutzt werden müssen. Dennoch ist es von Bedeutung mehrere parat zu haben, und die Gewichtungen der verschiedenen Autoren zu vergleichen.
Tipp: Vorab kannst Du auch schon die Gewichtung der einzelnen Ideen innerhalb einer Thematik zwischen den verschiedenen Blickwinkeln analysieren, um die Gemeinsamkeiten (Key-Concepts) und Unterschiede klarer zu sehen. Bei Unterschieden: “Warum legt mein Prof. darauf mehr Wert?”
Tipps, um gut zu starten
- Um dir den Einstieg in das Kapitel zu erleichtern, schaue dir an, wie es strukturiert ist, und/oder ergänze es mit einem Zusammenfassungs-Video zu diesem Thema. Finde heraus, was die wichtigsten Konzepte innerhalb der Thematik sind. Daraufhin und/oder währenddessen kreiere dein mentales Gerüst. Setze dich danach zuerst mit den Schlüsselkonzepten auseinander, um ein Grundverständnis zu erlangen. Fange dort an, wo Du dich am sichersten mit fühlst und gehe von dort aus weiter.
- Nachdem du das getan hast, kannst du die dazugehörigen und restlichen Abschnitte lesen und die oben erklärten Techniken anwenden.
- Skippe Details, die du noch nicht verstehen oder einordnen kannst. Notiere sie irgendwo, um später auf sie zurückzukommen. Weiteres dazu, findest Du im Artikel Layering und Cognitive Load Theory.
Wiederholungsfragen
- Wie kann ein Workflow für dich aussehen, wenn du ein Lehrbuch liest?
- Wie spiegeln sich Active Recall, Priming und Encoding in den hier beschriebenen Lesestrategien wieder?
- Warum kann es sinnvoll sein, ein Video vor der zu lernenden Thematik anzuschauen und mehrere Ressourcen über das selbe Thema parat zu haben?