„Jonas und die Totraumformel“ – eine typische Lernfalle
Jonas, Medizinstudent im dritten Semester, nimmt sich vor, endlich das Kapitel zur Lungenphysiologie durchzuarbeiten. Gleich zu Beginn stößt er auf die „Bohr’sche Totraumformel“ – kompliziert, mathematisch, ein echter Brocken. Ohne viel Kontext beginnt er, die Formel zu verstehen, herzuleiten, sich Beispiele auszudenken. Zwei Stunden später hat er die Gleichung im Schlaf drauf – aber keine Ahnung, wofür sie eigentlich steht. Die grundlegenden Konzepte wie „funktioneller Totraum“, „Gasaustausch“ oder „Ventilations-Perfusions-Verhältnis“ sind noch völlig unklar.
Am nächsten Tag in der Vorlesung merkt Jonas: Er hat ein kompliziertes Detail gelernt – ohne das Fundament zu kennen. Der Überblick fehlt. Die Zeit ist weg. Und das Thema fühlt sich jetzt noch schwerer an.
Wo die Neugier dich hintreibt
Im Kontext des Optimieren von Cognitive Load spielt “Layering” eine bedeutende Rolle. Kennst du auch das Gefühl ein neues Thema anfangen zu wollen, aber nicht zu wissen, wo man startet? Dabei hilft Initial das Priming, um eine grobe Vorstellung und Struktur vom Thema aufzubauen. Aber es geht ja weiter: Wir wollen einen Absatz zu einem bestimmten Konzept lernen und sind auf einmal bei der “Bohr’schen Totraumformel” gelandet, obwohl wir vielleicht gerade mal erfahren haben, dass es einen Totraum in unseren Atemwegen gibt, aber noch nichts über den Sinn dahinter herausgefunden haben. Toll. Jetzt sitzen wir und lernen vielleicht diese Formel, aber wirklich etwas bringen tut es im Moment niemanden. Es scheint besonders dir auch noch nicht relevant, da wir sonst auch noch keinen Kontext dafür haben! Deswegen sollten wir uns mit dem Prinzip Layering beschäftigen.
Was ist Layering?
= Die “richtige” Reihenfolge zum Lernen. Es ist höchst-individuell an dein Wissen angepasst. Es geht Hand in Hand mit dem Thema “Wie du ein Lehrbuch lesen kannst”: Es geht nicht darum, Texte von oben nach unten und das Buch von Links nach Rechts zu lesen, sondern die Informationen rauszufiltern, die für dich gerade relevant erscheinen. Verallgemeinernd kannst du dir vorstellen, dass man ein Kapitel mehrmals “überfliegt”, anstatt es einmal in Gänze zu lesen. Im Hinblick auf die Wissensstruktur wären das die Informationen, die aufbauend das Grundgerüst ergänzen. Da haben konkrete Details noch nicht viel am Anfang verloren. Aber auch scheinbares “Detail-Wissen” kann später relevant werden, um ein Thema in Gänze zu verstehen. Tatsächlich würde ich aus Erfahrung meinen, dass mind. 90% der Information so aufeinander aufbauen und nicht “auswendig” gelernt werden müssen.
Vielleicht denkst du dir jetzt: Aber wenn ich eh die Details lernen werde, was macht denn die Reihenfolge für einen Unterschied? Wenn du dir dein erlerntes als Mindmap/Wissensstruktur vorstellst und die e.g. “zwei Enden” auf einer geistigen Waage stellst, so würdest du eine Seite viel zu schnell hoch gewichten und das ganze Konstrukt aus der Balance und somit zu Fall bringen. Stattdessen ist es weiser, die ganze Wissensstruktur Stück für Stück sanft zu ergänzen und holistisch zu bearbeiten, um eine in sich zusammenhängende Kugel/Kreis zu schaffen. Denn ein weiterer Nachteil des Ignorieren des Layerings wäre, dass wichtige Verbindungen zwischen Konzepten lange, wenn nicht sogar gänzlich verborgen bleiben. Deswegen sollte man sich zuerst nacheinander mit den Grundpfeilern des Themas vertraut machen, bevor zu sehr ins Detail gegangen wird.
Das Bild, was ich jetzt illustriert habe, zeigt eine klassische Strategie des Schichtens von Wissen in drei: das Grundgerüst – meist durch das Priming abgedeckt -, die Schlüsselkonzepte und dann zuletzt die unterstützenden Details. Allerdings dient dies eher als Orientierung und nicht als starke Richtlinie. In wie vielen Durchgängen du am Ende ein Thema bearbeitest, ist ganz von dir, deiner Einschätzung bezüglich der kognitiven Belastung, und Selbstreflektion abhängig.
Das Überdenken der Informationsaufnahme, dass Prüfen, ob die Information relevant ist, indem wir sie versuchen in unser bestehendes Wissensnetz einzuordnen, sind auch wieder Wege, wie du aktiv Informationen verarbeitest und auch das Encoding förderst.
Wie sieht nun die konkrete Anwendung aus?
- Nachdem du deine Primärressource vor dir liegen hast und dir klar ist, was du gerade lernen möchtest/musst, kannst du anfangen das Thema zu überfliegen und im Sinne des Priming die Schlüsselbegriffe (~15-20) zu notieren und diese in Beziehung zu setzen, um dein Grundgerüst zu kreieren. Dabei solltest du auf die Häufigkeit eines Wortes, wie es im Buch dargestellt bzw. potentiell hervorgehoben, und ob es explizit in deinem Stoffumfangsplan erwähnt wurde, achten. Vergiss nicht, dass einer der wichtigsten Erfolgsgaranten im Lernen, das Erschließen und Ergänzen der Struktur eines Themas ist! Dazu kannst du, wie in den Grundlagen Kapiteln erwähnt, auch zu informativen Überblick Videos greifen. Jetzt hast du zwei Optionen dein Wissen auszubauen, wobei du beide auch alternieren kannst: Du könntest ausgehend von deiner Basis deiner Neugier folgen und zuerst über ein bestimmtes Konzept mehr lernen, oder du fängst wieder am Anfang des Kapitel an und überfliegst es weitere Male.
- Bei beiden Optionen solltest du aber darauf achten, nicht zu viel Zeit aufzubringen. Das heißt konkret, wenn du neue Informationen aufnehmen möchtest, solltest du in der Lage sein, diese zu deiner Wissensstruktur zu assoziieren, in dem du die Informationen versuchst in deine Wissensstruktur (Repräsentation durch Mindmap) einzubetten und danach dessen Relevanz und Effekte im Kontext zu hinterfragen. Wenn du spürst, dass es – unter dem Verständnis der Cognitive Load Theory – zu anstrengend wird, oder du länger als 30 Sekunden brauchst, überspringe diese Information erstmal, notiere das Wort vielleicht separat und mach erstmal weiter. Oft ist es ein Indiz dafür, dass die Information noch keinen klaren Anker aufgrund von fehlendem Wissen hat. Natürlich ist es immer möglich, dass du klare Verbindungen übersiehst, weswegen du auch nach Begriffsdefinitionen im Internet suchen kannst.
- Mit der Zeit füllst du mal um mal Lücken, kannst die separat notierten Begriffe einordnen, und fügst deinem Wissen Stück für Stück mehr Details zu. Dabei ist es auch wichtig, dass du folgend weiterhin alles hinterfragst, was du bis jetzt an Informationen aufgenommen hast, und noch aufnehmen wirst. Denn umso mehr Wissen sich akkumuliert, umso klarer sollte auch werden, dass die hypothetische Grundstruktur vielleicht nicht mehr passt, oder du die Mindmap umsortieren und gewisse Informationen anders gewichten musst.
Wiederholungsfragen
- Welche Vorteile können dir Layering bringen? Warum funktioniert das?
- Wie hängen Layering, Priming, Cognitive-Load-Theory und Encoding zusammen?