
“Zu Studieren ≠ Zu Lernen”
Lukas sitzt in der Bib, drei Tage vor der Biochemieprüfung. Er hat sich vorgenommen, das ganze Skript noch mal „durchzugehen“ – also: lesen, markieren, abschreiben. Seite für Seite.
Er schreibt stichpunktartige Definitionen in sein Notizbuch, aber ohne Verbindung zum Rest. Er fragt sich nie, warum das wichtig ist, wofür er es braucht oder wo es hingehört.
Nach drei Tagen fühlt sich sein Kopf voll an – doch in der Prüfung stockt er beim ersten Fallbeispiel:„Wie unterscheiden sich Glukoneogenese und Glykolyse?“ Er weiß die Definitionen auswendig – aber nicht, wann oder warum sie stattfinden. Keine Verknüpfung. Keine Anwendung. Nur Worte ohne Bedeutung.
Lukas hat auswendig gelernt – aber nicht verarbeitet.
Was ist Encoding?
Encoding beschreibt den Prozess der Aufnahme von Informationen über das sensorischen Gedächtnis (jegliche Sinne, die zur Wahrnehmung dienen) zum Arbeitsgedächtnis (WM) und die dortige Verarbeitung und Umwandlung, um es im Langzeitgedächtnis speichern zu können. In populärwissenschaftlichen Texten des englischsprachigen Raums wird unter den Begriff “Encoding” nicht nur die Enkodierung, sondern auch die Konsolidierung zusammengefasst. Im Folgenden beschäftigen wir uns primär mit der Informationsverarbeitung, die wir beeinflussen können, um die Konsolidierung – und sequentiell die Abrufbarkeit – sowie die Nutzbarkeit unseres Wissens zu verbessern.
Warum ist es relevant?
Informationen werden meines Erachtens zweierlei von Studenten ins Gedächtnis befördert. Dabei ist folgende Methode, die besonders in informationsdichten Studiengängen am häufigsten zu beobachten ist: Ständiges wiederholen von Fakten bis sie sitzen. Doch das kostet einerseits zu viel Zeit und Energie, und andererseits sind die Informationen durch im Vergleich eingeschränkte Nutzbarkeit auch weniger Wert. Deswegen ist es von Bedeutung sich mit besseren Verarbeitungsstrategien auseinanderzusetzen, um dies vorzubeugen.
Die Verarbeitungstiefe von Informationen korreliert mit der Abrufbarkeit des Wissens im Langzeitgedächtnis (LTM). Das bedeutet, umso tiefgehender wir uns damit beschäftigen, umso länger können wir Informationen abrufbereit halten, ohne sie erneut wiederholen zu müssen. Dazu kommt, dass wenn wir den Verarbeitungsschritt klug angehen und das Wissen in eine für uns sinnvolle und nutzbare Form manipulieren, so können wir dieses auch besser nutzen. Und das coolste? Die beiden Schritte können Hand in Hand gehen.
Welche Arten unterscheidet man?
Die Arten des Encodings sind aus psychologischer und physiologischer Sicht zu unterscheiden. Typen der physiologischen und besonders der mentalen Sicht sind vielfältig, weswegen ich nur auf eine limitierte Auswahl eingehe, die auch unter der Dual Coding Theory bekannt sind, welche ich noch durch einen weiteren Typ ergänzen würde: Semantisches, visuelles Encoding und zusätzlich differentielles Encoding.
Semantische Enkodierung beschreibt, dass das “Wissen mit Relevanz” für das Individuum besser behalten wird. Dabei stellt sich die Frage, was denn Wissen mit Relevanz überhaupt sei: Wissen wird primär dann relevant, wenn es Bezug zu vorherigem Wissen bezieht. So würde ich auch behaupten, umso mehr (im besten Fall sinnvolle) Assoziationen zu vorhandenem Wissen vorliegt, umso relevanter die Information und umso länger abrufbar und nutzbar bleibt diese. So definiere ich die Relevanz im Kontext: Umso mehr Assoziationen vorliegen, umso integraler ist diese Information im Kontext der Gesamtwissensstruktur – ergo relevanter.
Unter differentieller Enkodierung wird die Unterscheidung von Informationen in den Fokus genommen. Die Idee dahinter ist, dass wir realisiert haben, dass Informationen sich oft gleichen und es deswegen effektiver wird, sich die Unterschiede zwischen den Konzepten zu Gemüte zu führen. Das hilft Interferenz vorzubeugen und konkrete Abrufbarkeit zu erhöhen.
Da unser Gehirn sich gut visuelle Informationen einprägen kann, nutzen wir die visuelle Enkodierung, um das semantisch und differentiell bearbeitete Wissen zusammenführend visuell zu repräsentieren.
Wie können wir besser Informationen verarbeiten?
- Strukturieren und Gruppieren – Eine Wissensstruktur aufbauen, bei welcher ähnliche Informationen zusammen gruppiert, aber dennoch Unterschiede hervorgehoben werden.
- Assoziation und Analogien – Neu aufgenommene Informationen immer vorhandenem Wissen und der erstellten Struktur zuordnen. Dabei kann es helfen zusätzlich, passende Analogien zu anderen Themenbereichen zu kreieren, da dies auch tiefergehende Verarbeitung benötigt.
- Informationen nicht ständig zu assoziieren, führt zu kosten-ineffektiven Lernen. Es ist, als würde man für jedes Outfit mit einer schwarzen Hose, jeweils eine neue schwarze Hose kaufen, anstatt die eine, die man hat, zu nutzen, um Kosten und Mühen zu sparen. Die Wissensverarbeitung und Herangehensweise auf diese Art macht unser Wissen auch flexibler nutzbar, da wir nun lernen, nicht nur in festen Outfits zu denken, sondern in individuell nutzbaren Kleidungsstücken, die sich frei kombinieren lassen und dazu einladen! Ob es am Ende sinnvoll ist, bestimmt dann die Evaluation! 🙂
- Vereinfachen – Um das Abrufen später effektiver gestalten zu können, empfiehlt es sich in regelmäßigen Abständen innezuhalten und das vorhandene Wissen prägnanter zu formulieren, auch um die kognitive Belastung zu regulieren, um danach besser weiter Neues zu lernen. Zum Vereinfachen muss also kritisch über das Wissen nachgedacht und zum Beispiel zusammengeführt werden.
Welche Schritte kann ich konkret nehmen?
- Wir haben schon festgestellt, dass es Relevanz und Struktur braucht: Warum möchtest du das Lernen? Dabei ist “Für die Schule, oder gute Noten” kein überzeugendes Argument für dein Gehirn.
- Welche Fragen kannst du stattdessen stellen? Sie sollten darauf abzielen, Brücken zu dir relevanten Themen zu schlagen. Sprich, die Verknüpfung der neu erlernten Informationen mit schon vorhandenem Wissen. Hinterfrage und evaluiere jede neue Information, die du aufnehmen und in dein Wissen integrieren möchtest:
- Wenn du ein neues Thema lernst, frage dich: Was weiß ich schon grob über das Thema? Welche Themen hängen wie damit zusammen? Was weiß ich noch über diese Themen?
- Bevor du dein Thema weiterlernst, kannst du dein schon vorhandenes Wissen reaktivieren, indem du dies nochmal im Kopf rekapitulierst. Während du dein Thema weiterlernst, frage dich ständig: Wie hängt das mit dem vorher gelesenen zusammen? Wie und wo passt es in meine Wissensstruktur?
- Weitere Fragen, die du dir stellen kannst, um dem Gelernten mehr Bedeutung zuschreiben zu können, sind: Warum ist es wichtig, dass zu lernen? Wie kann ich das Wissen anwenden oder wie wird das Wissen angewendet? Wenn es auf ein praktisches Feld bezogen ist, dann hilft es auch, Erfahrungen in diesem zu sammeln, um ganz natürlich Fragen und Verknüpfungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
- Um Unterschiede klar hervorzuheben, ist es wichtig, erstmal die Gemeinsamkeiten zu finden. Danach solltest du dich auf Unterschiede fokussieren und dich fragen: Welche Bedeutung haben diese Unterschiede auf das Gesamtkonzept? Warum und wozu gibt es den Unterschied?
- Dabei kannst du auch auf vergangene Ereignisse zurückgreifen, um auch die emotionale Komponente mit zu integrieren.
- Die Fakten versuchen zu organisieren und kategorisieren, wie es für Dich logisch erscheint. Das kann dich herausfordern und gleichzeitig auch dein Verständnis für das Thema stärken.
- Es hilft, Informationen zu visualisieren, um sie sich besser einprägen zu können, aber auch besser Abrufbar zu gestalten. Bilder sollten nicht nur als Abrufhilfe dienen, sondern mit Details versehen sein, die das Verständnis und die Anwendung fördern. Zudem empfehle ich erneut, es mit den weiteren o.g. Encoding-Strategien zu kombinieren, um am Ende ein kompaktes und hoch-reproduzierbares Bild zu erhalten.
Wiederholungsfragen
- Warum ist es wichtig, schon vorhandenes Wissen zu reaktivieren, während etwas Neues gelernt wird? Erkläre es anschaulich.
- Welche Fragen kannst du dir in einer Lern-Phase stellen, um die hier genannten Verarbeitungsstrategien zuverlässig zu nutzen? Erstelle dir eine Liste, die du dir jedes Mal zur Hand nehmen kannst. 🙂
- Frage dich, wenn du andere Themen zum Lernen hier auf der Website bearbeitest: Wie hängen Sie zusammen? Welche sind von größerer Bedeutung? Warum?