
Viel Mühe fehlgeleitet
Jakob, Medizinstudent im 3. Semester, hatte sich fest vorgenommen, dieses Mal alles richtig zu machen. Die Anatomieprüfung in zwei Wochen war seine letzte Chance, den Durchfall im vorigen Semester auszugleichen. Er hatte sich einen dicken Stapel Skripte besorgt, alle Vorlesungen mitgeschrieben und sogar die Lern-Apps mit Karteikarten installiert. In den ersten Tagen lernte er wie besessen – Nervenbahnen, Muskelgruppen, Organfunktionen. Jeden Abend wiederholte er das Gelernte einmal kurz durchlesen, bevor er ins Bett ging. “Das reicht schon”, dachte er. “Ich verstehe alles, also brauche ich es nicht nochmal zu wiederholen.”
Doch dann kam der Stress der letzten Tage. Die Zeit wurde knapp, und Jakob konzentrierte sich nur noch auf die Themen, die er nicht verstand. Die Dinge, die er bereits “kannte”, ließ er links liegen. “Die kann ich ja schon!”, dachte er.
Jakob fiel am Tag der Prüfung durch. Nicht, weil er sich nicht genug Zeit genommen hatte – sondern weil er falsch wiederholt hatte. Er hatte die Informationen nur oberflächlich verarbeitet, ohne sie aktiv abzurufen, ohne sie in neue Kontexte zu setzen, ohne sie mit Herausforderungen zu verknüpfen. Seine Wiederholung war passiv geblieben – und das Vergessen hatte gesiegt.
Vergessen oder nicht Vergessen
Den groben Ablauf, wie Wissen in unser Gedächtnis kommt, haben wir schon besprochen: Informationen werden erst im sensorischen Gedächtnis zwischengespeichert, bevor sie ins Kurzzeit-/Arbeitsgedächtnis übergehen. Dort bearbeiten wir unsere Informationen so, dass sie in eine für unser Langzeitgedächtnis sinnvolle Struktur gebracht und in ein zugehöriges Regal eingeordnet werden.
Mit der Zeit tritt ein ganz natürlicher Prozess unseres Gehirns ein: das Vergessen. Auf psychologischer Ebene durch Ebbinghaus in einer Vergessenskurve erfasst, und auf neurophysiologischer Ebene als Pruning bezeichnet. So oder so, es werden die im Einleitungskapitel erwähnten Trampel-Pfade erneut mit Gras überwuchert.
Die Lösung des ganzen sollte ja einfach die regelmäßige Wiederholung im Sinne eines Spaced-Repetition-System – unter Berücksichtigung der Ebbinghaus Vergessenskurve – sein, damit wir das Gelernte wieder in seine Ausgangsform vor dem Vergessen bringen können. Dann nutzen wir einfach ein Karteikartenprogramm wie Anki oder Remnote und sind mit dem Thema durch, oder? Zum Glück nicht! Sonst wären wir in einer ewigen Schleife des übermäßigen Wiederholens und Vergessens von Information gefangen.
Aber warum ist es nichtsdestotrotz sinnvoll und so beliebt? Durch das Spacing – dem Intervall zwischen zwei Aktivierungen vom Wissen – und somit dem Vergessen wird eine gewisse Herausforderung bei der Wiederholung geschaffen, die gleich zwei zusammenhängende Konzepte bedient:
- Desirable Difficulty – es wird durch das Vergessen eine Schwierigkeit erzeugt, die aber die Aufgabe noch lösbar macht, aber eben genau auf die richtige Weise anspruchsvoll. Das Konzept bezieht sich allerdings primär auf Aufgabengestaltung, und wie diese genau das richtige Maß an Schwierigkeit in Bezug auf Vorwissen haben sollte, damit es weder zu leicht oder zu schwer ist. Denn unter diesen beiden Bedingungen würde kein Lernen erfolgen.
- Effortful Retrieval Hypothesis – diese Hypothese kann als Spezialform der Desirable Difficulty angesehen werden, und beschreibt, dass durch ein anstrengenderes Wiederabrufen von Informationen, ein verbesserter Lerneffekt erzeugt wird. Dies beruht, wie u.a. beim effektiven Encoding, auf einem Dauerfeuern der benötigten Neuronen, was den Effekt der Langzeitpotenzierung nach sich zieht. Einfach gesagt, werden dadurch neuronale Verbindungen effizienter gestaltet und durch Einbau weiterer Proteine in die Synapsen (hier Verbindungsstelle zweier Neurone) gestärkt.
Ebbinghaus´ Vergessenskurve wurde auch in Abhängigkeit vom Inhalt untersucht, wodurch festgestellt wurde, dass die Vergessenskurve weniger steil bei z.B. einem Gedicht, als bei einer sinnlosen Anreihung von Silben abfällt. Was ist der Unterschied zwischen beiden Informationen? Das eine hat eine Wissensstruktur und Tiefe von sich aus, die es, wie in einer Konversation mit vielen offenen Gesprächsfäden, leichter macht, daran anzuknüpfen. Während auf der anderen Seite, so eine Struktur nicht vorhanden ist. Die Silben scheinen völlig irrelevant. Und das untermauert die Bedeutung des Encoding: Umso tiefer wir Informationen zu verarbeiten scheinen, umso länger bleibt diese Information für uns Abrufbar.
Und das Wiederholen oder das Wiederabrufen von Gelerntem ist hier ein wichtiger Schritt, um Informationen noch tiefer zu verarbeiten, in dem wir sie mit einem breiteren Kontext und einer neuen Perspektive in Kontakt bringen und nicht einfach stupide das Gleiche in gleicherweise wiederholen. Wiederholung ist also ein weiterer essentieller Schritt in unserem Lernprozess, nicht nur das Wiederabrufen des Vorhandenen, sondern auch das Erschließen neuer Perspektiven durch die richtigen Strategien.
Mit welchen Strategien können wir das sinnvoll erreichen?
Im Allgemeinen sind zur Wiederholung am meisten aktive Reproduktionstechniken gefragt. Einige davon funktionieren auf einer höheren und andere auf einer niedrigeren kognitiven Ebene. Wiederholungstechniken sollten die Kompetenz widerspiegeln, die du am Ende von deinem Wissen erlangen möchtest. Sei es das reine Abrufen von Detailwissen, die Fähigkeit dein Wissen in verschiedene Kontexte zu übertragen, oder es konkret anzuwenden. So oder so, du solltest den Fokus genau darauf bei Wiederholungen legen.
Eine Möglichkeit dies zu erreichen, ist die regelmäßige Exposition und Immersion. Das bedeutet, du begibst dich bspw. in eine Umgebung, in der du das Gelernte auch umsetzen musst. Das Lernen von Sprachen ist für die meisten am verständlichsten: Du lernst eine neue Sprache, und begibst dich in ein Land, um Sprechen und Verstehen zu müssen. Jetzt ist den wenigsten so ein Luxus vergönnt, aber wir können es auf etwas kleineres übertragen. Als Mediziner oder Pharmazeut begibt man sich als Nebentätigkeit zum Studium in eine Klinik oder in eine Apotheke. So kreierst du nicht nur mögliche Assoziationen für später Gelerntes, sondern hast die Möglichkeit durch Exposition eines klinischen Falles dein Wissen zu reaktivieren, oder dich bei Verschreibung eines Medikamentes fragen, wie der Wirkmechanismus aussah. Das kann noch viel konventioneller geschehen: Wie wächst nochmal meine Pflanze, die ich im Zimmer stehen habe? Wie funktioniert die Statik des Gebäudes, an dem ich gerade vorbeispaziere? Warum ist der Schlaf wichtig, von dem ich gerade erwachte?
Weitere Arten der Wiederholung im universitären oder prüfungsorientierten Umgebungen, die ich gerne nutze sind:
- Free Recall – eine freie Seite, um sie mit Inhalt zu füllen. Konservativ heißt es, alles, was man zum Thema weiß, auf ein Blatt zu bringen. Nachdem ich merkte, dass es mir zu viel Zeit kostete, und es auch nicht den wie beim ersten Mal erwünschten Vorteil bringt, nutze ich es primär als Orientierung. Ich stelle noch immer die Struktur des Themas wie beim ersten Lernen dar, nur arbeite ich ausschließlich mit den Schlüsselbegriffen und forme die Struktur und das Wissen so, wie ich es für besonders lehrreich halte, sprich, wie wenn ich es jemanden möglichst logisch und zusammenhängend erklären müsste. Dabei evaluiere ich während der Reaktivierung das Wissen, priorisiere bestimmte Verbindungen zwischen Konzepten und betrachte das Thema aus einer anderen Perspektive. Vielleicht bringe ich auch einen Ausblick in das Thema mit, welches ich erst nach dem zu Wiederholenden Thema gelernt hatte. Wenn ich merke, dass ich etwas nicht weiß, kann ich das noch auf das Papier dazuschreiben, und je nach Bedarf gleich nachschauen oder später.
- Interleaving – ein wenig abgewandelt, von der eigentlichen Bedeutung, aber immer noch zutreffend, ist die Betrachtung eines Themas aus der Perspektive der Prüfung oder des Prüfers: Was sind die wichtigen Schlagwörter, die ich wissen soll? Was sind häufige Prüfungsthemen? Und ausgehend davon nutze ich dann die o.g. Free Recall Methode. Dann erfolgt die Priorisierung und Evaluierung aufgrund der Gewichtung der Themen für die Prüfung. Meines Erachtens ist es wichtig diesen Unterschied bewusst zu machen, da seltene und coole Krankheitsbilder häufiger geprüft werden, als die immer wieder auftretenden Sprunggelenksverletzungen. Wir sind uns aber nach Pareto-Prinzip einig, dass das Verhältnis in der Realität umgekehrt ist.
- Nutzen von Fragensammlungen – Ich behaupte für das meiste, was wir in irgendeiner organisierten Institution lernen, gibt es zur Wissensprüfung erstellte Fragen, die irgendwo gesammelt werden. Zur Prüfungsvorbereitung aber auch zur Lückenfindung ein wichtiger Bestandteil. Denn die Art und Weise, wie eine Frage gestellt wurde, verrät uns, mit welchem kognitiven Anspruch diese zu beantworten ist. So empfehle ich den Fokus auf “Warum” und “Wie” Fragen zu legen, da diese nicht rein Fakten abfragen, sondern verlangen, diese in eine sinnvolle und vergleichende Struktur zu bringen, die aufgrund der Anforderung verschiedener Konzepte innerhalb eines Themas schneller dazu führen, Lücken aufzudecken, wenn du nicht weiterkommst. Generell mahne ich vor Fragen, die dir zu einfach fallen, da sie nach der initialen Wiederholung keinen Zweck außer die Validierung deines Wissens besitzen. Wenn du eine Frage nicht beantworten kannst, nutze die Zeit um nicht einfach die Antwort nachzuschauen, sondern wieder in dein Lernmaterial einzutauchen und die Lücke selbstständig zu schließen, bevor du dir die Lösung anschaust. Meist werden die gleichen Konzepte auch aus unterschiedlichen Perspektiven erfragt: Für den der jede Frage nutzte, um nochmal sein Wissen zu erweitern, wird mit dieser neuen Frage weniger Probleme haben, als der, der nur den Fokus darauf legte, möglichst viele Fragen und Antworten zu sehen.
- Digitale Karteikartensysteme – Ich würde mir unrecht tun, wenn ich nicht erwähnen würde, dass Open-Source Softwares wie Anki eine super Ergänzung für jeden Lerner sein kann, der auf Leistung ausgelegt ist. Besonders die neueren FSRS (Fast-Spaced-Repetition-System) Algorithmen sind wirklich hilfreich. Ich empfehle primär vorgefertigte oder in Gruppen erstellte Anki-Sets, die sich auf Details, Need-To-Knows oder wichtige Zusammenhänge, die gerne in Prüfungen erfragt werden, beziehen. Ich denke, es ist nicht sinnvoll, sehr viel Zeit selbst in die Erstellung ALLER Karten zu stecken, sondern kollektiv auf dem Aufzubauen, was andere schon geteilt haben. Und ich würde auch nicht empfehlen, Anki als alleinständiges Werkzeug zu nutzen, ohne vorher ein Thema in irgendeiner Form erarbeitet zu haben. Digitale Karteikartensysteme sollen bei der Wiederholung helfen, und nicht das Lernen ersetzen.
Wiederholungsfragen
- Auf welche Aspekte musst du bei deinen Wiederholungen achten, damit sie möglichst sinnvoll und lehrreich sind?
- Warum ist die geplante Wiederholung ein integraler Schritt im Lernprozess?
- Überlege dir, für welche Themengebiete oder Fächer bestimmte Strategien sinnvoll erscheinen und für welche eher weniger.