Alte Gewohnheiten, neuer Druck

Sophie saß in ihrer kleinen Wohnung am Schreibtisch, umgeben von Büchern, Notizzetteln und Markern in allen Farben. Die Klausur in Biochemie stand in zwei Tagen an, und sie fühlte sich überfordert. Statt der modernen Lernmethode des “Active Recall”, bei der sie aktiv ihr Wissen abrufen sollte, entschied sie sich, wie gewohnt, passiv zu lernen. Sie las ihre Notizen immer wieder durch, unterstrich wichtige Passagen und hoffte, dass die Informationen sich von alleine einprägen würden. Stunden vergingen, doch die Unsicherheit blieb. Ihre Freundin Lena, die durch “Active Recall” lernte, schloss ihre Bücher zufrieden. “Fertig für heute!”, verkündete sie. Sophie seufzte. Sie wünschte sich, sie hätte den Mut gehabt, ihre Lerngewohnheiten zu ändern. Während Lena erholt schlief, blieb Sophie wach, in der Hoffnung, das Wissen würde sich irgendwie festsetzen. Es war ein langer, ermüdender Weg, den sie gewählt hatte. Leider mit weniger erfolgt, als von ihr erhofft.

Passive oder Aktive Lernmethoden?

Wenn es Zeit ist, für eine Prüfung zu lernen und Themen zu wiederholen, ist nach meinem Empfinden mittlerweile bekannt, dass einfach erneutes Lesen (u.a. mit Markierungen) oder das Kreieren von Zusammenfassungen eines Themas mit Notizenvorlage einen geringen kognitiven Nutzen mit sich bringt. Stattdessen sollte auf ein aktives Abrufen von Informationen gesetzt werden. Darunter fällt auch, die dazugehörige Verarbeitung und Manipulation von Informationen, beispielsweise bei einer schwierigen Prüfungsfrage, durch die du Wissen nicht nur abrufen, sondern auch dessen mögliche Beziehungen hervorheben sollst. Diese Form der Wiederholung ist zwar anspruchsvoller, aber genau deswegen deutlich nützlicher. 1Im Einführungskapitel habe ich den Zusammenhang zwischen der Schwierigkeit beim Lernen und des eigentlichen Lernprozesses im Gehirn schon erwähnt. Hier ist das aktive Wiedergeben von Information eben eine angemessene Erhöhung der Schwierigkeit und korreliert mit besserer Leistung. Das wird als der “Testing-Effect2” bezeichnet und ist die bestuntersuchteste Methode mit dem besten Nutzen. Warum sollten wir das ganze nur auf die Wiederholungen von schon gelerntem setzen? Sollten wir nicht! Wie erwähnt, hilft die aktive Wiedergabe beim Lernen generell. Deswegen setze den Fokus grundlegend auf aktive Reproduktionsstrategien.

Wie kann ich Active Retrieval nutzen, um mir beim Erlernen neuer Information zu helfen?

Bevor du ein gänzlich neues Thema anfängst, von dem du noch wenig Ahnung hast, solltest du vorerst “primen”, dir also adäquat einen Überblick verschaffen. Wie du aus dem Artikel dazu entnehmen kannst, kann es auch ein vorhergehende Tests / Aufgaben / Fragen beinhalten, die du wahrscheinlich nicht 100% korrekt beantworten kannst, es aber trotzdem bis zu einem Gewissen Maß versuchen solltest. Tatsächlich stellte sich heraus, dass ein Abfragen von Informationen, die du noch nicht gelernt hast, dabei hilft, genau diese zu lernen! Denn durch den Versuch diese Aufgaben zu lösen, wird schon vorhandenes Wissen (prior knowledge) abgerufen, welche eine Verbindung zum lernenden Thema haben könnte, oder wo es wichtig ist, klare Unterschiede zu machen, um es nicht zu verwechseln. Dieser Prozess wird als “Forward-Testing3” bezeichnet und ist erstaunlicherweise unabhängig von eigenen Arbeitsgedächtniskapazitäten ist, d.h. ausnahmslos für jedes individuelles kognitives Leistungslevel angebracht.

Zu einem “Forward-Testing” Effekt gibt es auch ein Backward-Testing Effekt4, eine Idee was das beinhalten und funktionieren könnte? So kannst du dich auch vor der Informationsaufnahme prüfen, wie wir gerade gelernt haben, sogar effektiv.

Zurück zum Punkt: Ich empfehle, wie auch im Kapitel zu Lesestrategien, nach der Aufnahme von Informationen innezuhalten und das gelesene bzw. gehörte kurz nochmal in eigenen Worten wiederzugeben und erst dann fortzufahren. Allerdings ist dies noch nicht der Backward-Testing Effekt. Denn dieser bezieht sich tatsächlich auf die Verbesserung der Gedächtnisleistung von vorangegangenen Informationen, die allerdings in diesem Test nicht abgefragt werden. Diese sollten allerdings schon im Gedächtnis integriert werden, was durch aktive Reproduktionsstrategien und assoziatives Denken wahrscheinlicher erfolgt. Dieses Phänomen kann ähnlich wie der Forward-Testing Effekt erklärt werden: Die vorangegangene Information ist relativ präsent und abrufbar, was wiederum behilflich ist, um Gemeinsamkeiten, Assoziationen und Unterschiede durch aktive Reproduktion von erfragten (anderem) Wissen hervorzuheben und entsprechend die Gedächtnisleistung beider Informationen zu verbessern.

Wie können wir aktive Lernmethoden in Wiederholungen implementieren?

Wenn es um die Wiederholung in Vorbereitung auf Prüfungen geht, dann ist die offensichtlichste und eine der einfachsten Methoden, die des Verdeckens und Aufsagens des Inhalts einer Seite, bzw. eines Blatts. Während du von Seite zu Seite springst, solltest du nicht vergessen, zu den Seiten, in denen du tendenziell mehr Schwierigkeiten in der Wiederholung hattest, zurückzukehren und es erneut zu versuchen.

Natürlich, was auch sehr beliebt ist, sind Karteikarten oder Fragensammlung (selbsterstellt oder vorhanden) (Digital wie Analog), die dir einen Hinweis darauf geben, was du aktiv reproduzieren sollst. Wichtig dabei zu beachten ist, sich nicht selbst übers Ohr zu hauen, sondern so gründlich wie möglich zu sein und die Fehler hervorzuheben und bewerten, um entsprechend den Wiederholungszeitraum einzuschätzen, wie im Kapitel zu Revision (Wiederholungen) näher erläutert.

Eine weitere Form der aktiven Wiederholung, welche auch deutlich effektiver Wissenslücken hervorhebt, ist die des Lehrens. Dabei gibt es drei Möglichkeiten, die du ausprobieren kannst: Die sog. “Feynman-Technik”, “Whole Part Whole – Teaching” und das Erstellen eines Schaubildes unter Berücksichtigung der vergangenen zwei Lehr-Herangehensweisen.

Zu der mit Abstand populärsten der drei Möglichkeiten, die Feynman Technik, gibt es einen bekannten Spruch: “Erkläre ein Thema so, als würdest du es einem 5 Jährigen erklären.” Ich denke der Spruch vermittelt gut und illustrativ die Grundidee dahinter, doch teils unzureichend. Es zeugt von guter Kompetenz in einem Gebiet, wenn du eine akkurate und gleichzeitig leichtverständliche Analogie findest, um damit deinem Gegenüber die Informationsaufnahme zu erleichtern. Das sollte auch angestrebt werden! Nur lasst es mich anders formulieren: “Du solltest ein Thema so prägnant und verständlich wie möglich ausdrücken, ohne dabei auf Wissenstiefe zu verzichten.” Denn wenn ich in meiner mündlichen Prüfung über Befruchtung einer menschlichen Eizelle gefragt werde, kommt es deutlich besser an, den Prozess klar, deutlich und kontextualisiert wiederzugeben, als ungefragt von Bienen und Blüten zu beginnen. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass ungefragte, aber passende Vergleiche in einem Aufsatz gut ankommen können. Denn das zeigt auf, dass du dein Wissen immer in Relation zu vorhandenen Wissen betrachtest.

Das Whole Part Whole Teaching ist wiederum weniger im Jargon. Das Grundprinzip dahinter liegt in der Rückkehr “zum großen Ganzen” (Big-Picture). Ein Auto besteht aus vielen verschiedenen Bauteilen und soll am Ende fahrtüchtig und relativ sicher sein. Jedes Bauteil spielt dabei eine Rolle, allerdings sind sie teilweise auch komplexer aufgebaut. Ausgehend vom fertigen, funktionierenden Auto würdest du dir den Motor genauer anschauen und wie dieser konzipiert ist. Währenddessen, oder spätestens danach, bringst du es in den Kontext des funktionierenden und fahrenden Autos und welche Rolle der Motor dabei spielt. Dieses Spiel wiederholst du, bis du alle wichtigen Bauteile (Subthemen) durchgegangen bist und dieses erklärt hast. Diese Methode ist auch sehr hilfreich beim eigentlichen Erlernen von neuen Stoff. Denn auch hier sollte immer an das “große Ganze” gedacht werden.

Und zu guter Letzt: Wenn du einen dieser Prozesse noch “mappst”, sprich, in ein Schaubild packst, welches deine Gedankengänge widerspiegelt, so fällt es dir leichter, nichts beim Erklären auszulassen, Lücken visuell zu erkennen und hervorheben zu können. Gleichzeitig bekommst du auch eine gute, prägnante Zusammenfassung deines Wissens, auf das du dich gegebenenfalls berufen kannst.

Nachdem du langsam die einzelnen Strategien getestet hast, kannst und solltest du diesen Tipp beherzigen: Versuche bei jeder Wiederholung des Themas neue Perspektiven auf das Thema zu gewinnen, indem du es beispielsweise mit einem ähnlichen Konzept vergleichst oder es in einem anderen Kontext betrachtest.

Wiederholungsfragen

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  1. Greving, S., & Richter, T. (2018, 2018-December-04). Examining the Testing Effect in University Teaching: Retrievability and Question Format Matter [Original Research]. Frontiers in Psychology, 9(2412). https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.02412 ↩︎
  2. Adesope, O., Trevisan, D., & Sundararajan, N. (2017). Rethinking the Use of Tests: A Meta-Analysis of Practice Testing. Review of Educational Research, 87, 659 – 701. https://doi.org/10.3102/0034654316689306. ↩︎
  3. Pastötter B, Bäuml KH. Retrieval practice enhances new learning: the forward effect of testing. Front Psychol. 2014 Apr 4;5:286. doi: 10.3389/fpsyg.2014.00286. PMID: 24772101; PMCID: PMC3983480 ↩︎
  4. Pastötter, B., & Frings, C. (2019). The Forward Testing Effect is Reliable and Independent of Learners’ Working Memory Capacity. Journal of cognition, 2(1), 37-37. https://doi.org/10.5334/joc.82 ↩︎
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